Schulhund Ylvie - Eine Freundin auf vier Pfoten

Lassie, Snoopy und Idefix kennt jeder. Aber wer ist Ylvie? Mit vierbeinigen Filmhelden oder Comicfiguren setzen sich die Realschüler in Beilngries eher selten auseinander, an der Altmühltal-Realschule (ARB) gibt es stattdessen einen echten Schulhund. Ylvie heißt die siebenjährige Australian Sheperd-Hündin, die ihren Dienst an der ARB vor drei Jahren angetreten hat, nachdem sie ihre Ausbildung und Prüfung zur Begleithündin absolviert hatte.

Diensthund Ylvie - wer denkt da nicht sofort an Kommissar Rex? Doch Frauchen Sieglinde Kirsch winkt ab. Den Begriff Diensthund hält sie für unpassend: "Ylvie ist kein Spürhund und auch gar nicht für Aufgaben wie etwa Mantrailing, also die Suche nach Personen, ausgebildet. Und bewachen soll sie auch niemanden", sagt Kirsch. Lachend fügt sie hinzu: "Ylvie wirkt subtiler, ohne dass es den Kindern bewusst wird. Ein Schulhund soll zu einem besseren Klassenklima beitragen. Ein Schulhund ist gewissermaßen ein sozialer Katalysator." Sieglinde Kirsch erklärt den Fachausdruck so: "Ylvie soll dazu beitragen, dass Kinder sich öffnen. Schüchterne Kinder oder Außenseiter werden durch einen Schulhund ermutigt, sich dem Tier zuzuwenden. Sie erfahren, wie der Hund ihre Kontaktaufnahme mit einem positiven Feedback belohnt. Das gibt Sicherheit und erleichtert zurückhaltenden Kindern den Aufbau von sozialen Bindungen in der Klasse - natürlich auch deshalb, weil Ylvie Gesprächsstoff bietet."

Wie aber wirkt ein Schulhund auf die agilen, aktiven Kinder? "Ein Schulhund sensibilisiert auf der nonverbalen Ebene - übrigens nicht nur Kinder, sondern auch Jugendliche. Lautstärke und aggressives Verhalten kommentiert Ylvie auf ihre Weise: Wenn sich zwei Kinder streiten, zieht sich der Hund vorsichtig zurück. Das sorgt für Kritikfähigkeit, die Schüler reflektieren das Verhalten." Sieglinde Kirsch zitiert an dieser Stelle Louis Armstrong: "Mit einem kurzen Schwanzwedeln kann ein Hund mehr Gefühle ausdrücken, als mancher Mensch mit stundenlangem Gerede." Und tatsächlich offenbaren auch die "harten Jungs" in der Klasse ihre fürsorgliche Seite und kraulen Ylvie.

Thema Zahlengliederung nach DIN 5008, die Mädchen und Buben der 6b sitzen konzentriert vor dem Bildschirm. Der gerade entstandene Text soll formatiert werden. Schritt für Schritt werden die Anweisungen von Sieglinde Kirsch ausgeführt. Manche Schüler sind schneller, manche fragen noch nach. Und wo ist Ylvie? Sie schlüpft unter den Tischen elegant durch das Gewirr von Schülerbeinen, ohne die Kinder zu berühren, holt sich da und dort ihre Streicheleinheiten. Die anderen Schüler lassen sich nicht stören. Dann und wann sucht die Hündin wieder die Nähe ihres Frauchens. "Ylvie hat Angst vor dir", sagt der eine Schüler zum anderen. Und prompt weiß der Gescholtene, dass sein Gezappel auf dem Drehstuhl nervt. Die Bewegungen der Kinder scheinen sachter und bedachter zu sein. Der Bewegungsdrang der Kinder wird nicht unterdrückt, aber die Mädchen und Buben nehmen Rücksicht auf Ylvie - und damit auch aufeinander. "Ylvie ist ein schöner Hund, aber sehr ängstlich", bemerkt Schüler Niklas.

Außerhalb der Schule verbringt Ylvie ihre Zeit mit anderen Hunden in einem kleinen Rudel zu Hause bei Sieglinde Kirsch. Die Hündin liebt es, mit dem Frisbee zu spielen, und sie beherrscht eine Menge Tricks. Als Sporthündin ist sie aktiv in Agility und Obedience. Bei Letzterem steht die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Tier im Vordergrund. Geprüft werden der Gehorsam, die korrekte Ausführung bestimmter Kommandos sowie die Sozialverträglichkeit des Hundes. Und auf diesem Gebiet muss eine Schulhündin fit sein, um erfolgreich in der Pädagogik mitarbeiten zu können.

Ylvie ist geprüfte Begleithündin. Selbstverständlich musste sie zum Gesundheitscheck und erhielt alle erforderlichen Impfungen, bevor sie ihren Schuldienst antreten konnte. Zudem bat die Schule alle Schüler und deren Eltern um deren Einverständnis für den Einsatz der Australian Sheperd-Hündin. Mögliche Probleme von Kindern, Allergien oder Phobien, durften keinesfalls übergangen werden. Erst, als alle Bedenken ausgeräumt waren, vermittelten mehrere Unterrichtsstunden den Schülerinnen und Schülern die nötigen Kenntnisse in den Fächern "Hundesprache" und "Verhaltensregeln mit Hund". Dann bekam Ylvie ihren festen Platz im Klassenzimmer als Rückzugsort und einen Hundeservice, der Ylvie immer die Decke zurechtlegt und frisches Wasser bringt. Und inzwischen ist sie aus dem Alltag an der Altmühltal-Realschule nicht mehr wegzudenken.

Von Rainer Platzer